Den Stundensatz mit einer einfachen Formel berechnen, geht das?

Eine essentielle Frage zur Beginn der Selbstständigkeit ist:

Welchen Stundensatz muss ich ansetzen?

Bevor ich meine eigene Kalkulation aufgestellt habe, die ich seither immer wieder verbessere und anpasse, habe ich recherchiert. Bei meiner Recherche bin ich nicht nur auf verschiedene Kalkulationsvorlagen gestoßen, sondern auch auf verschiedene Formeln.

Dabei war auch eine Formel die mich damals schon geärgert hat. Ich möchte Dir diesen Rechenweg vorstellen und warum ich ihn nicht empfehlen würde.

Gesamtkosten / 30 * 1,3 = Tagessatz

Warum ich diesen Rechenweg nicht empfehlen kann

 

1. Die Grundlage der Kalkulation ist zu schwammig.
Kosten können im Laufe der Selbstständigkeit stark schwanken. Gerade zu Beginn der Selbstständigkeit, sind viele Kosten nicht bekannt oder werden zu niedrig angesetzt. Auch die Persönlichkeit spielt eine große Rolle! Wer vorsichtig rechnet und die Kosten eher niedrig ansetzt, kann sich schon vor dem eigenen Start in die Selbstständigkeit wichtige Rücklagen, Investitionen und Chancen verbauen. Auch Kosten, die sich mit dem Start in die Selbstständigkeit verändern, werden häufig nicht ausreichend analysiert.

Dazu kommt: Bei manchen Tätigkeiten steigen die Kosten mit dem Umsatz, dies wird nicht beachtet. Zukünftige Investitionen, sich verändernde Lebenshaltungskosten, die Betrachtung der Marktsituation, all diese Parameter gehören für mich zu einer vollständigen Kalkulation dazu. All diese Parameter finden allerdings keine Beachtung.

2. Es werden keine Sparsummen berücksichtigt, der Aufbau von Rücklagen wird komplett vernachlässigt.
Dabei ist das Thema Rücklagen in der Selbstständigkeit enorm wichtig! Kurzfristige Kundenausfälle, Sommerloch, Urlaub, Krankheit und für vieles mehr muss Kapital aufgebaut werden. Natürlich dürfen wir auch die Altersvorsorge nicht vergessen. Auch Rücklagen für zukünftige Investitionen oder die Wiederbeschaffung von Arbeitsmaterial muss schon in der Kalkulation berücksichtigt werden. 

3. Die Gesamtkosten werden durch 30 geteilt, um auf einen Tagessatz zu kommen.
Aber wer arbeitet kontinuierlich 30 Tage im Monat?
Gehe ich davon aus, dass ich die normalen Arbeitstage von ca. 250 Tagen im Jahr arbeite und rechne ich noch Urlaub (30 Tage) und ein paar Krankentage ab (14 Tage), komme ich auf 17 Arbeitstage im Schnitt pro Monat. Außerdem wären abzurechnen: Tage für Fort- und Weiterbildung, die Pflege von Kindern oder weiteren Angehörigen, sowie die unproduktive Arbeitszeit. Gerade die unproduktive Arbeitszeit darf nicht vernachlässigt werden!
Die eigene Buchhaltung, Kundenakquise, die Erstellung von Werbung, all das kostet uns Zeit, oft bis zu 30% der möglichen Arbeitszeit.

4. Warum multiplizieren mit 1,3?
Lese ich mehr zu der Formel, soll der Aufschlag von 30% einen Puffer darstellen.
Der Aufschlag von 30% als Puffer lässt schon mal die Möglichkeit Rücklagen aufzubauen. Ein pauschaler Aufschlag hat aber einen großen Nachteil, die Ungenauigkeit. Wer bei den Gesamtkosten bereits viele Eventualitäten berücksichtigt hat, wird die 30% als Rücklagen anlegen können. Wer in den Gesamtkosten vom aktuellen Stand ausgegangen ist oder sehr vorsichtig gerechnet hat, der wird diese 30% schnell verbraucht haben um Fixkosten zu decken.

5. Wo ist die Einkommenssteuer?
Die wird tatsächlich gänzlich vergessen. Stellt diese einen Anteil an den 30% Puffer dar, so ist die Wahrscheinlichkeit für einen finanziellen Engpass wieder sehr hoch, da keine oder nur kaum Rücklagen aufgebaut werden können.
Gerade der Aufbau von Rücklagen für die Einkommenssteuer ist aber sehr wichtig! Nicht wenige Gründer stehen mit der ersten Einkommenssteuererklärung vor einer finanziellen Engpasssituation.

Eine Vergleichsrechnung

 

Bei Gesamtkosten von 3000€ komme ich bei der Formel auf einen Tagessatz von 130,00€.
Lege ich die tatsächliche durchschnittliche Zahl der Arbeitstage zu Grunde (17 Tage pro Monat) komme ich auf einen Tagessatz von 229€.

Alleine durch die Anpassung auf eine realistische Anzahl an Arbeitstagen, ohne weitere Änderungen der Formel, beträgt die Differenz 99€ pro Tag.
Bei 17 Arbeitstagen pro Monat sind es unglaubliche 1683€ die in meiner Kalkulation fehlen.

Ich lege viel Wert auf eine gute und ausführliche Kalkulation, inkl. einer Aufstellung und Analyse der Kosten, der geplanten Investitionen und ggf. Wiederbeschaffungen. Die Nutzung dieser einfachen Formel birgt zu viele Risiken, schließlich ist unser Preis auch die Grundlage für unsere finanzielle Sicherheit.